Helmholtz-Abiturjahrgang 1977
 

 

Helmholtzschüler sitzen überall

FR Stadtteilbeilage 13.3.2003

Neues Heft informiert über den Werdegang von Ehemaligen

Hans Thiel ist unermüdlich. Seit 17 Jahren gräbt der frühere Leiter der Helmholtzschule (1970-1985) in Archiven, Briefen, in eigenen Erinnerungen und denen anderer, macht alte Schüler und Lehrer ausfindig - und trägt deren Geschichten in der Schriftenreihe des Vereins ehemaliger Helmholtzschüler (VeH) zusammen. Soeben ist Heft 7 erschienen.

OSTEND (eke). 80 Seiten stark und mit 18 Kurzporträts im ersten Teil und "Neues über die jüdischen Ehemaligen" im zweiten Teil kommt das neue Heft daher. Die jüdischen Ehemaligen waren Auslöser für Thiels Forschungen, nachdem er 1986 in einer Festschrift von 1937 vergeblich nach dem Namen eines jüdischen Lehrers suchte: Der Kollege wurde schlicht verschwiegen.
Seitdem hat Thiel 173 jüdische Schüler und sechs Lehrer nachweisen können, ihre Geschichten rekonstruiert er nach und nach - nicht zuletzt dank aufmerksamer Leser, von denen es zahlreiche gibt, wie sich an wohlwollenden Reaktionen feststellen lässt. So gelang es Thiel mittlerweile, die Schicksale von Isidor Friedmann und Paul Heimann aufzuklären.So spannend es ist, die Mühsal der Recherche nachzuvollziehen, so traurig macht oft das Ergebnis: Während der eine 1949 verarmt und einsam im britischen Exil starb, emigrierte der andere nach dem Abitur 1932 nach Brasilien und brach alle Kontakte zu seinen Klassenkameraden, die nach Israel ausgewandert waren, ab: "Er wollte wohl nicht an die furchtbaren Ereignisse in Deutschland erinnert werden", schreibt der Autor. Thiel will umso mehr die Erinnerung wach halten: Die Gedenktafel für jüdische Lehrer und Schüler, die im Winter 1999 in der Helmholtzschule errichtet wurde, ist aus dem Anneliese-und-Hans-Thiel-Fonds für Friedensarbeit finanziert worden. Auch darauf kommt das Heft zu sprechen.Den Sprung in die jüngere Vergangenheit und die Gegenwart macht Thiel in seinen Kurzporträts. Die so kurz gar nicht sind, wenn von der Jazzliebe des Pharmazie-Unternehmers Herbert Merck die Rede ist, die er in den späten fünfziger Jahren im Hot Club am Börsenplatz oder dem Jazzhaus in der Kleinen Bockenheimer Straße pflegte. Oder, wenn Eckhard Nordhofens kritische Auseinandersetzung mit Adorno und Horkheimer beschrieben wird oder der Werdegang von Cornelia von Plottnitz', geborene Walz, ihre Theaterarbeit im TAT und Mousonturm und ihrem Engagement als Stadträtin.Spätestens, wenn Autor Hans Thiel im neuen Heft erzählt, dass die ehemalige Helmholtzschülerin Andrea Scholz heute die Multimedia-Arbeit der Deutschen Bibliothek verantwortet, und der Makler Andreas Rust das Wolkenkratzer-Festival initiiert sowie den Main Tower vermarktet hat - dann drängt sich dem Leser der Eindruck auf: Sie sitzen einfach überall, diese Helmholtzschüler.

Das neue Heft kostet vier Euro und ist im Sekretariat der Helmholtzschule, Habsburgerallee 57 erhältlich.

Es kann auch über den Verein VeH, Postfach 600865, 60388 Frankfurt am Main, bestellt werden.

Land stellt der Herderschule ein Ultimatum

Frankfurter Rundschau, 11.11.2003


Mindestens 80 Schüler müssen 2004 neu aufgenommen werden / Pläne für Fusion mit Helmholtzschule

Die Herderschule steht offenbar kurz vor dem Ende. Das Gymnasium im Ostend könnte schon im Sommer 2004 aufgelöst werden. Kultusministerium und Staatliches Schulamt haben ein Ultimatum gesetzt: Für das nächste Schuljahr - also bis zum Frühjahr 2004 - müssen 80 Anmeldungen für die fünfte Klasse akquiriert werden.
VON MARTIN MÜLLER-BIALON

Frankfurt · 10. November · Inzwischen haben die Verantwortlichen bei Stadt und Staatlichem Schulamt bereits Szenarien entwickelt, welche die Zeit nach einer Auflösung der Herderschule regeln. So könnte nach FR-Informationen die Schule an der Wittelsbacherallee künftig je zu einem Teil vom benachbarten Gymnasium, der Helmholtzschule, sowie von der Integrierten Gesamtschule (IGS) Nordend genutzt werden. Die derzeit 450 Herderschüler würden als Außenstelle der Helmholtzschule geführt und dort auch ihr Abitur machen. Weil keine neuen Herderschüler aufgenommen würden, könnte die IGS - so die Überlegungen - das Gebäude sukzessive in Beschlag nehmen. Nach diesem Plan würde der Name Herderschule schon am Ende des Schuljahres 2003/2004 - nach dann 93 Jahren - von der Bildfläche verschwinden.

Bildungsdezernentin Jutta Ebeling (Grüne) sagte am Montag in der Sitzung des Römer-Schulausschusses den Schülern, die für das kommende Schuljahr angemeldet werden, Bestandsschutz zu. "Die können auf jeden Fall ihren Bildungsgang beenden, egal unter welchem Schild", so Ebeling. In einem Gespräch im Kultusministerium in der vergangenen Woche, an dem auch das Staatliche Schulamt teilgenommen habe, sei mitgeteilt worden, man werde der Herderschule eine letzte Chance einräumen, wenn mindestens 80 Anmeldungen erreicht würden. "Wenn nicht, sieht sich das Land nicht in der Lage, die Schule weiter zu erhalten", sagte Ebeling.

Die Zahl 80 ist die vom Kultusministerium für Gymnasien vorgegebene Mindestzahl pro Jahrgang - damit können drei Klassen je Klassenstufe gebildet und ein tragfähiges Kurssystem in der Oberstufe aufgebaut werden.

In den vergangenen Jahren hatte die Herderschule aber mit den angemeldeten Schülern jeweils nur zwei Klassen bilden können - in das laufende Schuljahr starteten 52 Sextaner. Allein 22 von ihnen waren Schüler, die an anderen Gymnasien abgelehnt und vom Schulamt dorthin vermittelt worden waren. Das frühere Mädchengymnasium hat in den vergangenen zehn Jahren fast die Hälfte der Schülerzahl eingebüßt, derzeit werden noch 450 Schüler unterrichtet. Der Ausländeranteil liegt bei 62 Prozent.

Indessen kämpfen Eltern und Lehrer der Herderschule für den Erhalt ihres Gymnasiums. Eine zwölfköpfige Delegation erschien gestern im Schulausschuss und überreichte Stadträtin Ebeling ein Präsent - T-Shirts mit dem Aufdruck "Die Herderschule lebt".

Hartmut Pott, Leiter der Herderschule, hält nichts von dem Ultimatum des Ministeriums: "Was soll ich denn den Eltern sagen, die ihr Kind anmelden wollen? Mit welchem Argument soll ich sie überzeugen?" Es sei nicht unmöglich, 80 Anmeldungen zu erreichen, vor zwei Jahren seien es 75 gewesen. "Was wir aber für dieses Ziel brauchen, ist eine klare Entscheidung der Stadt", so Pott. Derzeit drücke sich die Kommunalpolitik um eine Entscheidung herum. "Die Stadt muss sagen, ob sie eine solche Schule will oder nicht", so Pott im Gespräch mit der FR. Bisher sind von keiner Partei Bekundungen für einen Erhalt der Schule formuliert worden.

Auch im Schulausschuss gab es nach Ebelings Vortrag keinerlei Nachfragen. Nicht einmal den zuständigen Ortsbeirat 4 konnten Schulleitung und der verzweifelt kämpfende Schulelternbeirat zu einem Votum pro Herderschule bewegen.

Und auch das Staatliche Schulamt, deren Leiter Hans Rolf Eifert die Stadt vor den Sommerferien aufgefordert hatte, die Schließung der Herderschule zu betreiben, hält sich derzeit mit klaren Aussagen zurück. Man werde "die Anmeldezahlen beobachten", ließ Eifert verlauten. Ansonsten sei jetzt "erst mal der Schulträger dran".

 

KOMMENTAR
Trauerspiel

VON MARTIN MÜLLER-BIALON

In der Frankfurter Öffentlichkeit ist derzeit ein Schauspiel zu beobachten, das es auch in Zankfurt nicht alle Tage gibt. Das Stück trägt den Titel: Wie mache ich eine Schule platt. Akteure sind das Staatliche Schulamt, das städtische Bildungsdezernat und die Kommunalpolitiker. Ganz am Rande spielt auch die betroffene Schule selbst, die Herderschule, eine Rolle. Keinesfalls aber eine tragende.

Der Plot ist schnell erzählt: Staatliches Schulamt sagt zum Bildungsdezernat: Mach' das Gymnasium dicht; Bildungsdezernat legt sich erst mal nicht fest, Kommunalpolitik ebenso wenig; Eltern sind tief verunsichert; Monate später heißt es dann: Die Schule kann weitermachen, wenn sich genügend Schüler dort anmelden. Das haut natürlich nicht hin, und deshalb geschieht das Unvermeidliche...

Da staunt das Publikum. Applaus will nicht recht aufbranden, einige Buhrufe sind sogar zu vernehmen.

Im Ernst: Was die Stadt als Schulträger und das Staatliche Schulamt in Sachen Herderschule veranstalten, ist nicht die feine Art. Erst wird der Schule mit der Schließungsdrohung jede Chance zur Entwicklung genommen und dann genau diese gefordert. Kann man es der Schule übel nehmen, wenn sie das perfide findet?

Es steht außer Frage, dass die Herderschule Anlass zum Handeln gibt. Und auch eine Schließung ist nicht per se des Teufels. Man - und damit sind Bildungsdezernat und Kommunalpolitik gleichermaßen gemeint - muss nur klipp und klar sagen, was man will.

Das aber geschieht nicht, stattdessen wird herumgeeiert. So verhungert die Schule am ausgestreckten Arm - ein Trauerspiel.


Herderschule

Anfang Juni 2003 sorgte der Leiter des Staatlichen Schulamts, Hans Rolf Eifert, für Aufruhr an der Herderschule. Die Stadt möge die Schließung des 92 Jahre alten Gymnasiums betreiben, forderte er. Andeutungen in diese Richtung hatte es seit Jahren gegeben, zuvor waren sie jedoch folgenlos geblieben. Das Problem der Schule sind die sinkenden Schülerzahlen: Waren 1992 noch etwas mehr als 800 Schüler registriert, so sind es aktuell nur noch 450. Die Herderschule gilt als Sammelbecken für Schüler, die an anderen Gymnasien die Aufnahme nicht schaffen, 62 Prozent sind Ausländer. Der Schule wird vorgeworfen, sich nicht genügend um ein eigenes Profil gekümmert zu haben. emem